Historisches
Zur Geschichte des Revierförstergehöftes Rehsiepen

Damit die 2203 Morgen Sorper Waldungen ordnungsgemäß verwaltet werden konnten, baute man 1808/09 das erste Forsthaus in Mittelsorpe. Das eingeschossige Gebäude war in Fachwerkbauweise ausgeführt. Das mit Schiefer gedeckte "Revierförster-Etablissement" bestand zunächst nur aus dem Wohnhaus. Da Revierförstereien auf Selbstversorgung ausgelegt waren, gehörten in der Regel ein entsprechend großes Gartengrundstück für den Gemüseanbau, ein Obstbaumhof sowie Acker- und Weideflächen dazu und natürlich Stallungen für das Vieh und Bergeraum für Heu und Getreide. 1811 wurde etwas abseits des Wohnhauses die erforderliche Scheune errichtet. Wegen des geringen Grundbesitzes in Mittelsorpe wurden dem Königl. Förster Schmitt "die in dem Rehseifen bei Sorpe belegenen, von dem Köhler Theodor Henneke seither in Pacht bestandenen Ackerländereien und Wiesen … ungefähr 8 Morgen" für jährlich 4 Thl. 15 Sgr. verpachtet. Am 9. März 1861 wurden der Forststelle Mittelsorpe noch einmal 7 Morgen Acker und Wiese zugeteilt, die bisher Theodor Ochsenfeld im Rehseifen gepachtet hatte. So lagen Wiesen und Weiden der Mittelsorper Förster also im entfernten Rehsiepen, damals noch "Rehseifen" genannt. 75 Jahre hatte das Mittelsorper Forsthaus als Dienstgehöft bestanden, dann wurde es zum Abbruch verkauft und in Oberkirchen wieder aufgebaut.

Im Jahr 1883 findet sich der erste Hinweis auf eine Verlegung des Förster-Etablissements von Mittelsorpe nach Rehsiepen. Aus welchen Gründen das geschehen sollte, lässt sich nur vermuten. War es der feuchte Untergrund des Mittelsorper Bauplatzes, das zu kleine Dienstgrundstück beim Haus, der reparaturbedürftige Zustand des Gebäudes, der häufige Streit mit einem Nachbarn und dazu der Ärger mit den abseits gelegenen Dienstländereien in Rehsiepen, oder war einfach nur die für den Forstdienst günstige Lage Rehsiepens inmitten des ausgedehnten Staatsforstes ausschlaggebend?
Jedenfalls wurde im Mai 1883 "auf Anordnung des Oberförsters Freiherr von Devivre zu Glindfeld" von Förster Schlegel aus Mittelsorpe ein "Situationsplan der neuen Hof- und Baustelle nebst Garten sowie Dienstländereien" angefertigt. Aus der am 26. Mai 1883 eingereichten Handzeichnung ist zu ersehen, dass das neue Haus im Rehsiepen-Tal anfangs mit seiner Traufseite nach Süden liegen sollte. Da offensichtlich noch kein Weg ins Rehsiepen-Tal führte, musste noch ein Forstweg gehauen, bzw. auf 51 Meter gebrochen werden.
1884 war es dann so weit, dass mit dem Bau des neuen Forsthauses begonnen werden konnte. 11.300 Mark waren für den "Neubau des Försterhauses mit Wirtschaftsgebäude zu Rehsiepen" veranschlagt, wie einer Anzeige in der Mescheder Zeitung vom Mai 1884 zu entnehmen ist.
Seit den 1860er-Jahren setzte sich für Forstdienstgehöfte der Haustyp des Wohn-Wirtschaftsgebäudes als Querdeelenhaus durch. Dieser moderne Haustyp wurde nur noch selten als Fachwerkbau errichtet und bildet einen zusammenhängenden Gebäudekomplex. Entsprechend wurde das Rehsieper Forsthaus als Querdeelenhaus erbaut, wobei Wohnhaus und Stallgebäude unter einem durchgehenden Satteldach in Altdeutscher Doppeldeckung mit Schiefer beschlagen wurden.
Das einstöckige Wohnhaus wurde massiv aus handgeformten Ziegelsteinen erbaut. Lediglich einige Innenwände sind in Fachwerk ausgeführt. Der Wohnbereich ist komplett unterkellert. Natursteinstufen führen vom Flur bzw. von der Tenne aus in die Kellerräume. Das Kellergeschoss ist aus Bruchsteinen aufgemauert, mit Ziegelsteinen gewölbt, und der Boden wurde mit einem rauen, ungewöhnlich großformatigen Plattenbelag versehen. Der große Backofen wie auch der kleine gemauerte Ofen, dessen Rauch in die Räucherkammer auf dem Bodenraum geleitet wurde, sind im Keller eingebaut und somit bequem zu erreichen. Der kleinere Ofen heizte ursprünglich auch den großen Wassertopf, der zum Waschen der Wäsche wie auch zum Kochen des Viehfutters benutzt wurde. Im früheren Lichtflur des Kellers wurde 1911 erstmals ein abgeschlossener Raum für Körperhygiene mit Zinkwanne und Badeofen eingerichtet. Die Anlage fester Badeeinrichtungen in Forstdienstgehöften war nur gestattet, wenn sie sich ohne Um- und Erweiterungsbauten herstellen ließen, und "sofern sie sich auf das unbedingt Notwendige beschränk[t]en und von jedem Luxus fernhielten".(Radtke, Richard, 1908, S.104 in: Michels, Bärbel:"Sorpetaler Forsthausgeschichte(n) 1808 bis 2018") Entwässert wurde in den Entwässerungskanal hinter dem Haus, der 1901 angelegt worden war, um das Bergwasser vom Gebäude abzuhalten. Die Wasserversorgung geschieht nach wie vor mittels einer gemauerten Quellfassung, die 110 m vom Wohnhaus entfernt liegt.

Eine Brandmauer aus Ziegelsteinen trennt das Stallgebäude vom Wohnhaus. Die mit Bach- und Feldsteinen im Fischgrätenmuster gepflasterte Tenne liegt zwischen dem Wohnhaus und den Wirtschaftsräumen und fungierte so gleichzeitig als Geruchsschleuse. Durch ein zweiflügeliges Tor mit Pforte konnten der Wohnbereich wie auch das mit Bruchsteinen gemauerte Stallgebäude erreicht werden. Alle Außenwände waren verputzt und wie das Wohnhaus mit Kalkfarbe gestrichen. Die Stallräume wurden 1901 mit Ziegelsteinen gepflastert.
Im Stall fanden vier Kühe und drei Pferde Platz. Ein Kutschpferd, ein Reitpferd und eines zum Holzrücken waren üblich unter dem Dach eines Forsthauses. Die Schweineställe, der Holzstall und der Hühnerstall waren durch eine Holzwand abgetrennt. Im Stall war auch der Abtritt aus Eichenholz, unter dessen Sitz sich ein fahrbarer Kasten befand, der durch eine niedrige Maueröffnung mühelos seitlich hinausgezogen und entleert werden konnte.
Im Vergleich zum Mittelsorper Forsthaus wies das Rehsieper Forsthaus wirklich zahlreiche Verbesserungen auf, nicht nur im Hinblick auf die Qualität der Bauausführung, sondern auch hinsichtlich der Wohnlichkeit. Trotz aller Sparsamkeit der preußischen Verwaltung legte man Wert auf ein gewisses repräsentatives Erscheinungsbild: Weithin sichtbar sind die schmucken Schwebegiebel mit den gedrechselten Giebelpfählen, die fast als Synonym für Forsthäuser galten.
Im Jahr 1927 geschah die augenfälligste Veränderung am Haus: Der südliche Giebel und die östliche Traufseite wurden verschiefert. Die Verschieferung hält die Feuchtigkeit vom Mauerwerk fern und erweist sich dank der Luftschicht unter der Holzschalung als eine gute Isolierung. Der Schieferboden in der Küche erhielt 1936/37 einen Linoleum-Belag.
1943 wurde der Kuhstall zu einem modernen Kurzstall umgebaut, der Pferdestall fiel ganz weg. Die Kühe standen nun nicht mehr zur Tenne hin, wurden auch nicht mehr von hier aus gefüttert. Da sich im Laufe der Jahre die Form der Bewirtschaftung änderte, war das Tennentor nicht mehr erforderlich, und so wurde es 1952 bis auf eine Türöffnung und zwei kleine Fenster zugemauert.
Die Revierförster im Forsthaus Rehsiepen



Der 1846 geborene Förster Schlegel bezog im Sommer 1885 als erster das Forsthaus Rehsiepen.
Von 1887 bis 1895 betreute Christian Josef Schnettler das Revier. Vier seiner neun Kinder erblickten im Forsthaus Rehsiepen das Licht der Welt.
Hegemeister Fritz Schneidersmann lebte von Februar 1895 bis September 1898 im Rehsieper Forsthaus, wo zwei seiner Kinder geboren wurden.
Förster Ferdinand Heinrich Alexander Groote war von Oktober 1898 bis 1901 in Rehsiepen tätig.
Förster Hubert Schütte wirkte 10 Jahre, und zwar von 1901 bis 1911, in Rehsiepen. Vier seiner fünf Töchter kamen im Forsthaus Rehsiepen zur Welt.
Sieben Jahre betreute Förster Jakob Reinmold das Revier im Sorpetal. Sein Sohn Karl-Heinrich kutschierte vom Forsthaus Rehsiepen aus mit Pferd und Wagen zur Höheren Schule nach Schmallenberg ???
Philipp Dickel war 18 Jahre, von 1918 bis 1936 in Rehsiepen tätig. Er erreichte den höchsten Bekanntheitsgrad durch seine legendäre Hannoversche Schweißhündin "Isolde von der Hunau".
Ernst Mergell war von 1926 bis zum April 1927 vertretungsweise in Rehsiepen tätig. Er wurde 1945 in seinem Revier Lattenberg von russischen Fremdarbeitern ermordet.
Der Forstgehilfe Ewald(?) Prigge beendete im Oktober 1932 seine einjährige Ausbildungszeit bei Philipp Dickel.
Paul Walter versah vom 31.11.1935 bis zum 31.3.1936 seine Kommandozeit in Rehsiepen bei Förster Dickel.
Herbert Oscheka war vom 1.10.1936 an mit kriegsbedingten Unterbrechungen bis 1945 als Revierförster in Rehsiepen tätig.
Alfred Assmann, Heinrich Wieschmann und Hermann Grothues übernahmen zwischen 1941 und 1945 mehrmals kriegsbedingte Vertretungen im Forsthaus Rehsiepen.
Heinrich Kietzmann hatte von 1945 bis Oktober 1954 die Revierförsterstelle Rehsiepen inne. Wieder wurden zwei Kinder im Forsthaus geboren.
Revierförster Friedrich E. Wiggenhagen war 1947, 1948 und 1951 zeitweise stellvertretend in Rehsiepen tätig.
Oberförster Max Buntebart verwaltete von 1954 bis 1967 das Revier Rehsiepen. Er war der letzte Förster, der noch Landwirtschaft betrieb.
Revierförster-Anwärter Fritz Vetter war 1966 und 1967 für drei bzw. vier Monate vertretungsweise in Rehsiepen tätig.
Jürgen Seckelmann nutzte als Kommissarischer Förster vom 5.7.1967 bis zum 31.10.1970 mit seiner Familie das Forsthaus als Dienstgebäude.
Damit endete die Ära des Gebäudes als Revierförster-Dienstgehöft Rehsiepen. Ein Neubau an der unterhalb gelegenen Dorfstraße entstand als drittes Forsthaus in der Geschichte des Sorpetals.
Das Forsthaus Rehsiepen war 85 Jahre ein Revierförster-Dienstgehöft. Die jahrzehntelange Nutzung als Forsthaus mit häufig wechselnden Bewohnern hatte Spuren hinterlassen. Das Staatshochbauamt erachtete 1970 das alte Gebäude im derzeitigen Zustand als nicht mehr zeitgemäß. Im Gutachten liest man von mangelnder Isolierung, von allgemeinem Reparaturstau, und dass Dachrinnen, Abfallrohre und Außenanstrich erneuerungsbedürftig seien. Man hielt für die Baulichkeit noch eine "Gesamtlebensdauer" von 100 Jahren für möglich und setzte entsprechend 14 Jahre als "Restlebensdauer" ein. So sollte "eine … Verwertung des alten Dienstgehöftes im Laufe des Herbstes 1970 [… ] angegangen werden." (Akte Alt-FA Glindfeld, FoDoS: AZ-15-10.22.03) Per Zeitungsanzeige suchte man im Januar 1971 einen neuen Besitzer für das Gebäude.
Im Zuge der Briefversteigerung gaben wir das höchste Gebot ab und erhielten den Zuschlag. Sechs Monate später monierte ein neuer Sachbearbeiter in Münster den Hausverkauf, da es als Enklave mitten im Staatsgrund liege. Schon allein aus diesem Grund hätte man seiner Meinung nach das ehemalige Forsthaus abreißen sollen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, das Haus möglichst original zu erhalten und verzichteten – zunächst notgedrungen, später aus Überzeugung – auf grundlegende Veränderungen, was allerdings auch eine relativ einfache, bescheidene Lebensführung erfordert.
Das Alte Forsthaus Rehsiepen birgt einen Wissensschatz. Viele stumme Zeugen einer bewegten Vergangenheit prägten den Charakter des alten Hauses. Zwei Kriege überstand es ohne Zerstörung. Es kann viele Geschichten erzählen, von freudigen Ereignissen, aber auch von leidvollen Begebenheiten. Kinder erblickten hier das Licht der Welt, andere Bewohner schlossen hier ihre Augen für immer.
Das Leben in dem Alten Forsthaus Rehsiepen gab und gibt uns Kraft und Ausdauer für die vielfältigsten Aufgaben, denen wir uns stellen gemäß dem
"Hausspruch" von Josef Weinheber:
Dies Haus ist mein und doch nicht mein,
wird nach mir eines anderen sein,
war vor mir eines anderen schon
und bleibet steh'n, geh ich davon.
Da ich's bekam in Heim und Hut,
sein Herd bleib warm, sein' Mauern gut,
der Brunnen dran mir nie versieg,
und frei zu Dach die Taube flieg!
Geschafft sei, was darin getan,
dass es der Nachbar wissen kann,
doch guck er mir nicht jedenfalls
mit seinem Fernrohr in den Hals.
Dies Haus sei all zu meiner Zeit
dem Fleiße und der Kunst geweiht.
Und Liebe gehe für und für
von Herz zu Herz durch jede Tür!
Es schließe ein, es halte fern
und frohe Gäste heg es gern,
ein Krümel Brot, ein Schlüpfel Wein,
da wird es wohl zum Guten sein,
viel mehr steht nicht in unsrer Macht,
so nutzet auch kein Vorbedacht:
In Gottes Hand stell ich dies Haus
und die da gehen ein und aus.
